Mehr als Picky Eating: Was hinter der ARFID-Essstörung steckt
Shownotes
In dieser Folge sprechen wir über eine Essstörung, die noch recht unbekannt ist. Und die heißt ARFID. Das steht für Avoidant Restrictive Food Intake Disorder, also eine Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme. Was dahintersteckt, erklärt Dr. Ricarda Schmidt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Psychologin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes/ Jugendalters an der Uniklinik in Leipzig.
Im zweiten Teil der Folge klären wir eine Hörerfrage: Es geht darum, ob es Kaffeeentzugserscheinungen gibt, wie etwa Kopfschmerzen.
Quellen:
https://www.meine-krankenkasse.de/ratgeber/krankheiten-behandlungen/arfid
https://schmerzklinik.de/warum-kaffee-entzug-kopfweh-bereitet/
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK430790/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15448977/
https://www.nature.com/articles/s41598-026-54049-3
"Aha! Zehn Minuten Alltags-Wissen" ist der Wissenschafts-Podcast von WELT. Wir freuen uns über Feedback an wissen@welt.de.
Produktion: Sermet Agartan Redaktion: Christine van den Berg
Impressum: https://www.welt.de/services/article7893735/Impressum.html https://www.welt.de/services/article157550705/Datenschutzerklaerung-WELT-DIGITAL.html
Transkript anzeigen
00:00:00: Heute geht es um eine Essstörung, von der viele von euch vielleicht noch nie gehört haben.
00:00:04: Während Essstörungen wie Anorexia nervosa – manche nennen das auch Magersucht oder Bulimie – vielen sicherlich bekannt sind wird über die Aphid-Essstörung viel seltener gesprochen.
00:00:14: Afid, das steht für avoidant restrictive food intake disorder.
00:00:19: Also eine Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme.
00:00:23: Was dahinter steckt, klären wir in dieser Folge.
00:00:26: Danach beantworte ich noch eine Alltagsfrage, die uns unser Hörer Norbert geschickt hat.
00:00:31: Er fragt sich, ob es Kaffeeentzugserscheinungen gibt wie etwa Kopfschmerzen?
00:00:35: So und damit herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Aha!
00:00:39: Ich bin Christine van den Berg und freue mich sehr, dass ihr wieder dabei seid.
00:00:54: Es gibt ja bei Kindern immer mal wieder so Phasen, wo sie bestimmte Lebensmittel nicht so gerne essen und sich wirklich richtig dagegen sträuben.
00:01:01: Bei mir war das mal für eine kurze Zeit Joghurt mit Stückchen oder Marmelade mit Stückchern.
00:01:06: Irgendwie mochte ich das Gefühl von den Stückchen in meinem Mund überhaupt nicht aber irgendwann ist das Störgefühl ein bisschen von selbst wieder verflogen.
00:01:14: Es gibt aber auch Menschen, die so sensibel gegenüber Konsistenzen, Gerüchen oder Geräuschen sind, dass sie deswegen sehr restriktiv essen.
00:01:22: Und dann kann die ARFID-Erstörung dahinter stecken.
00:01:24: Das ist eine ernstzunehmende Erkrankung über die noch gar nicht so viel bekannt ist – auch nicht darüber wie viele Menschen eigentlich betroffen sind!
00:01:32: Die Erkrankung wurde auch erst, dass offiziell das psychiatrische Diagnosisystem aufgenommen.
00:01:38: Mit Dr.
00:01:38: Ricardo Schmidt spreche ich heute über ARFIT.
00:01:41: Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Psychologin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters in Leipzig.
00:01:51: Es geht darum wie sich die Essstörung von anderen abgrenzt – was die Ursachen, was körperliche und psychische Folgen sein könnten?
00:02:05: Schön, dass sie da sind!
00:02:06: Vielen Dank, ich freue mich auch.
00:02:09: Was versteht man denn genau unter der ARFIT-Erstörung und wie grenzt sie sich auch von anderen bekannten Erstörungen ab?
00:02:16: Also ARFID ist die Abkürzung für avoidant restrictive food intake disorder zu Deutsch Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme.
00:02:26: Das heißt, die Betroffenen essen zu wenig oder zu eingeschränkt was dann wiederum zur Beeinträchtigung im körperlichen oder auch im psychosozialen Bereich führt.
00:02:37: Es müssen noch natürlich eine oder andere Dinge ausgeschlossen werden, wie zum Beispiel das vorhandene seien anderer Essstörungen oder bestimmter körperliche Erkrankungen die das S-Verhalten besser erklären.
00:02:47: aber ich würde sagen dass trifft es schon ziemlich genau.
00:02:51: Das S Verhalten kann man sagen ist beschrieben über sensorische Besonderheiten oder essensbezogene Ängste.
00:02:59: Es kann aber auch ein ausgeprägtes Desinteresse am Essen überstehen, was zugrunde
00:03:04: liegt.".
00:03:05: Was wären denn so konkrete Beispiele dafür damit wir uns das jetzt besser vorstellen können?
00:03:08: Also wie zeigt sich die AFID-S Störung zum
00:03:11: Beispiel?".
00:03:12: Generell muss ich sagen, AFID kann sich sehr unterschiedlich zeigen.
00:03:14: Das heißt einige oder sogar viele Betroffene lehnen Nahrungsmittel ab aufgrund der sensorischen Merkmate der Nahrungsmittel.
00:03:22: Das kann zum Beispiel sein – wie Sie schon sagen die Konsistenz der Nahrungsmittel oder der Geruch, das Aussehen.
00:03:30: Die Farbe... Also so sensorische Aspekte spielen ja eine ganz wichtige Rolle aber auch so etwas wie Geschmack oder auch Markenzugehörigkeit kann dann Rolle spielen und entscheidend sein ob eine Person ein Lebensmittel akzeptiert oder nicht.
00:03:47: Das ist ein Beispiel.
00:03:48: Dann gibt es wiederum Betroffene, die befürchten dass etwas Schlimmes beim Essen passieren könnte Also, dass sie zum Beispiel Magenschmerzen bekommen könnten.
00:03:57: Dass eine allergische Reaktion ausgelöst wird nachdem Sie das Nahrungsmittel essen und sich erbrechen müssten.
00:04:03: Und dann wiederum gibt es Personen die schnell voll sind, die ans Essen erinnert werden müssen weil sie von sich aus eigentlich nicht ans Essen denken oder vielleicht auch kaum Hunger verspüren.
00:04:15: Auch das kann Affe sein!
00:04:16: Da können natürlich noch Mischformen auftreten Sodass es Personen gibt, die lehnen die Nahrungsmittel ab wegen der sensorischen Besonderheiten.
00:04:24: Und gleichzeitig haben sie ein ausgeprägtes Desinteresse am Essen was dazu führt dass sie zum einen zu wenig essen und zu eingeschrägt.
00:04:32: Welche körperlichen und psychosozialen Folgen kann die AfD-Störungen denn haben?
00:04:37: Also zu den körperlich folgen zählen zum Beispiel Gewichtsverlust oder das Kinder nur unzureichend wachsen, sich bestimmte Nährstoffmenge entwickeln oder auch die Notwendigkeit besteht, dass man über hoch kalorische Trinknahrung ernährt werden muss.
00:04:55: Oder Vitaminpräparate einnehmen muss um Nährstoffmenge auszugleichen.
00:04:59: und in dem Psychosozialen Kontext sind das vor allem Beeinträchtigungen im Alltag also, dass essensbezogene Situationen vermieden werden zum Beispiel Besuche bei Freunden, Übernachtungen, Restaurantbesucher.
00:05:12: Bei Kindern sind Klassenfahrten oder Ausflüge schwierig.
00:05:16: Bei Erwachsenen kann sich das äußern, dass zum Beispiel gemeinsame Pausen mit Kollegen sehr schwierig sind oder sich Urlaube schwierig gestalten.
00:05:25: Einfach weil man nicht sicher ist ob man was zu essen findet oder Angst vor Bewertung durch andere hat.
00:05:32: also das kann sehr vielfältig aussehen.
00:05:35: Und in welchem Alter würden Sie sagen tritt das so am häufigsten auf?
00:05:38: Am häufigsten sehen wir als Symptomekine im frühen Kindesalter Also typischerweise mit Einführung der Ballkost.
00:05:46: Es können sich auch schon Probleme beim Stillen zeigen, dann kann es aber auch später.
00:05:50: beginnende und akute Verläufe geben durchaus erstmals im späten Kindesalter am Jugendalter oder auch im Erwachsenenalter.
00:05:58: Was sind denn so Ursachen dafür?
00:06:00: So wie ich das verstehe ist ja bei der AFD-Sstörung jetzt nicht das Ziel zum Beispiel Gewicht zu verlieren.
00:06:06: Richtig!
00:06:08: Das muss man ganz klar unterscheiden Obwohl das manchmal auch nicht so einfach ist zu trennen, muss man sagen.
00:06:14: Über die genauen Ursachen weiß man noch nichts Genaues kann man sagen.
00:06:18: Also wir gehen davon aus dass es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren handelt.
00:06:23: zum einen Faktorin die die Person mitbringt also zb eine genetische Veranlagung Eine erhöhte sensorische Empfindlichkeit vielleicht doch so'n Ekelsensitivität gegenüber Nahrungsmitteln So ein Temperament, was eher ängstlich sein könnte oder auch eine veränderte Hungersättigungsregulation so als biologische Komponente.
00:06:45: Das wird allerdings gerade weiter erforscht – wir sind uns da noch nicht ganz sicher!
00:06:51: Dann kann es natürlich auch auslösende Momente geben.
00:06:54: also wenn sich eine Person tatsächlich an einem Nahrungsmittel verschluckt oder unangenehme Erfahrungen macht im Mundrachenbereich oder sich mal erbrechen muss, kann das durchaus auslösen sein?
00:07:05: wobei es nicht immer einen Auslöser geben muss.
00:07:08: Wie lässt sich denn diese Ersteuerung gut behandeln?
00:07:11: Das ist noch nicht ganz abschließend geklärt, also man muss sagen die Forschung steckt auch in den Kinderschuhen.
00:07:18: aber die gute Nachricht ist glaube ich das es Behandlungen gibt oder dass es auch diesbedürgliche Entwicklungen gibt.
00:07:25: Also man muss zunächst einmal schauen kann die Behandlung im ambulanten Setting stattfinden?
00:07:32: muss die stationär erfolgen, da gibt es bestimmte Kriterien.
00:07:35: Dafür sind jetzt in der neu erscheinenden Leitlinie dann auch festgelegt und dann werden für die Behandlung danach ausgerichtet welche zugrunde liegende Erscheinungsform vorhanden ist.
00:07:46: Ich habe vorhin ja schon kurz versucht darzustellen wie vielfältig ARFIT ist, also Sensorik, Angst, Desinteresse und dann würden wir schauen was davon ja ist besonders relevant und die Beantwortung danach ausrichten.
00:07:59: Häufig werden verhaltentherapeutische oder kognitiverhaltentherapeutische Interventionen durchgeführt, familienbasierte Intervention oder auch Intervention die sich direkt an die Eltern richten zum Beispiel.
00:08:12: Dass sie lernen.
00:08:14: wie können Sie mit den Reaktionen des Kindes oder dem Essverhalten des Kindens eigentlich hilfreich umgehen vielleicht auch mit ihren eigenen Sorgen umgehen?
00:08:22: Bei den sensorischen Empfindlichkeiten wendet man ganz häufig Expositionen an.
00:08:27: Das heißt, man konfrontiert das Kind oder die Person wiederholt mit Nahrungsmitteln, die das Kind... ...oder die Person auch in die Nährung aufnehmen möchte.
00:08:38: Also die vorher abgelehnt werden und es macht einen wirklich ganz behutsamen Schritt für Schritt!
00:08:43: Wir versuchen dann wirklich den Druck rauszunehmen und dass es auf wirklich freiwilliger Basis geschieht, sodass das Kind- oder auch die erwachsene Personen die Nahrungsmittel ganz neu erkunden können
00:08:54: sozusagen.".
00:08:56: Also Exposition ist ein ganz wichtiges Mittel.
00:08:58: Da gibt es dann auch sogenannte Interrezeptionsübungen, wo man zum Beispiel auch lernt mit so Körperempfindungen umzugehen oder sich diesen zu stellen und die vielleicht auch zu tolerieren oder anders einzuschätzen.
00:09:11: Häufig gibt es auch so eine negative Erwartungshaltung – ah das wird mir nicht schmecken!
00:09:16: Oder dieses Nahrungsmittel ist gefährlich.
00:09:19: Und da, ich sag mal challenge'n wir die Betroffenen auch indem auch reflektieren und hinterfragen, wie war das denn jetzt eigentlich für dich?
00:09:28: Hm.
00:09:29: Wie ist es dann bei den körperlichen Ursachen?
00:09:31: werden dann auch Medikamente eingesetzt?
00:09:34: Also es gibt aktuell kein Medikament was für die Kernsymptomatik von ARFIT wirkt.
00:09:40: Es können natürlich Medikamente ergänzend eingesetzt werden wenn andere Störungen, andere Begleiterkrankungen vorliegen also beispielsweise Ängste Depression oder ADHS.
00:09:50: Dann können sie für diese Störungsbilder sozusagen angewendet werden.
00:09:54: Ja, damit sind wir schon am Ende des Gesprächs.
00:09:56: Ich freue mich sehr, dass ich heute mit Ihnen über dieses wichtige Thema sprechen konnte, Frau Schmidt.
00:10:01: Also ganz herzlichen Dank.
00:10:02: noch mal!
00:10:03: Vielen Dank!
00:10:05: Und hier geht es gleich weiter mit einer höherer Frage von Norbert.
00:10:08: Er hat uns nämlich gefragt ob es Kaffeeentzugserscheinungen gibt wie zum Beispiel Kopfschmerzen?
00:10:15: Warum ist das so?
00:10:17: die kleine Alltagsfrage.
00:10:21: Die kurze Antwort auf deine Frage, Norbert lautet Ja.
00:10:24: Entzug von Kaffee – also von Koffein kann Kopfschmerzen auslösen!
00:10:28: Eine Auswertung des Forschungsstandes vom Jahr vier identifiziert neben Kopfschmärzen übrigens noch weitere Entzugserscheinungen und das sind Müdigkeit, verminderte Energie, verhinderte Wachsamkeit, Schläferigkeit, zufriedenheit, auch depressive Stimmung, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit und Benommenheit.
00:10:50: Ähnliche Symptome wie Übelkeit und Muskelschmerzen können vorkommen.
00:10:54: Also eine ganze Reihe!
00:10:56: Und diese Entzugssymptome, die treten in der Regel zwölf bis vierundzwanzig Stunden nach dem Absetzen auf.
00:11:02: In ihrem Fazit kommt die Übersicht sogar noch zu dem Schluss, dass es genügend empirische Evidenz dafür gäbe, das Koffeinentzug-Syndrom als diagnostizierbare Störungen aufzunehmen.
00:11:12: Im US-amerikanischen Diagnosehandbuch DSM ist das sogar seit den Jahren der Fall.
00:11:18: In Deutschland gibt es zwar keine eigene Diagnose – Ärztinnen können Koffeenentzug aber im ICD-Zen unter einer Sammelkategorie für anregende Substanzen
00:11:28: erfassen.".
00:11:29: In einer klinischen Studie aus dem Jahr, haben sich Forschende außerdem genauer die akuten Auswirkungen von Koffeinenentzug speziell auf Kopfschmerzen angeschaut – und zwar bei regelmäßigen KonsumentInnen von kaffeinhaltigem Kaffee.
00:11:44: Dafür haben sie den Koffeen-Konsum von hundertgesunden Erwachsenen über ein Zeitraum von vierzehn Tagen untersucht.
00:11:51: Jeden Abend haben die Teilnehmenden eine SMS bekommen mit der Aufforderung am Tag drauf, kaffeinhaltigen Kaffees zu trinken oder Koffein zu verzichten.
00:12:00: Zudem mussten sie jeden Abend die Frage beantworten, ob Sie Kopfschmerzen haben und wie stark diese auf einer Skala von eins bis zehn waren.
00:12:09: Die Daten zeigen, dass bei Personen, die regelmäßig koffeinhaltigen Kaffee getrunken haben der Verzicht auf Koffeen häufig zur Kopfschmärzen geführt hat.
00:12:17: Wenn bereits Kopfschmirzen da waren dann hat der Verzwicht auf koffeen diese sogar noch verstärkt.
00:12:22: Das Risiko für Kopfschmerzen war an Tagen ohne Koffein noch dazu doppelt so hoch wie an Tagen mit kaffeinhaltigem Kaffee.
00:12:30: Aber warum löst der Verzicht jetzt Kopfschmärzen aus?
00:12:33: Eine mögliche Erklärung ist die Verengung der Blutgefäße!
00:12:36: Das passiert nämlich, wenn wir regelmäßig Kaffee trinken oder Koffeinhaltige Getränke zu uns nehmen.
00:12:42: Und hört man dann damit auf?
00:12:43: Dann führt das dazu, dass sich die Gefäße wieder erweitern und das kann dann eben unter anderem zur Kopfschmerzen
00:12:49: führen.".
00:12:50: Ich hoffe ich konnte deine Frage damit gut beantworten lieber Norbert!
00:12:55: Und damit sind wir am Ende dieser Folge angekommen.
00:12:58: Wenn auch Ihr Fragen an uns habt, die wir unbedingt mal beantworten sollten, dann schreibt uns doch gerne an wissenatwelt.de.
00:13:05: Also bis dahin – ich freue mich wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder dabei seid!
00:13:09: Eure Christine Vandenberg.
Neuer Kommentar