Helfersyndrom: Wenn Hilfsbereitschaft zum Zwang wird
Shownotes
Wann wird aus Hilfsbereitschaft ein Zwang? Die Psychotherapeutin, Podcasterin und Autorin Franca Cerutti erklärt, warum manche Menschen ständig für andere da sein müssen, weshalb ihnen Nein-Sagen besonders schwerfällt und wie man dieses Muster durchbrechen kann.
In ihrem neuen Buch „Die innere Oma“ zeigt Franca Cerutti, wie wir mehr Gelassenheit lernen können.
Außerdem geht es in dieser Folge um den Trend zum sogenannten Birding: Wissenschaftsredakteurin Verena Müller erklärt, warum Vogelbeobachten gerade so beliebt ist und was dabei im Gehirn passiert.
Produktion: Serdar Deniz Redaktion: Fiona Wink
„Aha! Zehn Minuten Alltags-Wissen“ ist der Wissenschafts-Podcast von WELT. Wir freuen uns über Feedback an wissen@welt.de.
Transkript anzeigen
00:00:00: Wir alle helfen anderen Menschen.
00:00:01: Wir hören Freundinnen und Freunden zu, wir unterstützen unsere Familie oder springen vielleicht auch für Kolleginnen und Kollegen ein wenn gerade viel zu tun ist.
00:00:09: Hilfsbereitschaft ist schließlich eigentlich eine ziemlich gute Eigenschaft.
00:00:12: aber was passiert?
00:00:13: Wenn wir ständig für andere da sind und dabei unsere eigenen Bedürfnisse vergessen also wenn wir das Gefühl haben immer helfen zu müssen selbst dann wenn es uns eigentlich alles schon viel zuviel wird Dann kann aus Hilfsbereitschaft ein regelrechter Zwang werden.
00:00:26: Und genau darum geht es heute um das sogenannte Helfer-Syndrom.
00:00:30: Außerdem geht es um einen Hobby, bei dem es vor allem ums genaue Hinschauen und Zuhören geht – um das Birding nämlich!
00:00:36: Also das Beobachten von Vögeln.
00:00:38: Ich bin Fiona Wink und freue mich dass ihr in diese neue AHA-Folge rein hört.
00:00:41: legen wir direkt los.
00:00:54: Nein sagen, das fällt vielen Menschen schwer.
00:00:56: Ich kenne das auch, man möchte die Mitmenschen irgendwie unterstützen und man möchte nett sein.
00:01:00: Und dann sagt man vielleicht manchmal ja zu Dingen für die man eigentlich gar keine Zeit oder Lust
00:01:04: hat.
00:01:05: Für manche Menschen geht dieses Verhalten aber noch viel weiter.
00:01:08: Sie haben das Gefühl ständig für andere da sein zu müssen Die Probleme anderer zu lösen und zu helfen selbst wenn sie dabei ihre eigenen Bedürfnisse völlig aus den Augen verlieren Und das Helfen wird dann nicht mehr zu einer freiwilligen Entscheidung, sondern fast schon zu einem inneren Zwang.
00:01:22: Aber ab wann genau?
00:01:23: Wird aus ganz normaler Hilfsbereitschaft ein problematisches Verhalten?
00:01:26: und vor allem wie kann ich lernen besser auf meine eigenen Bedürfnisse aufzupassen?
00:01:31: Genau darüber spreche ich jetzt mit der Psychotherapeutin, Podcasterin und Autorin Franka Chirotil.
00:01:39: Hallo Frau Chiroti schön dass Sie da sind!
00:01:41: Hallo Frau Wink danke für die Einladung.
00:01:43: Frau Chirouti, was genau verstehen Sie unter dem Begriff Helfersyndrom?
00:01:47: Also wann wird aus Hilfsbereitschaft ein problematisches Verhalten.
00:01:51: Ja also eigentlich ist Hilfsbreitschaft natürlich eine wundervolle Eigenschaft.
00:01:55: aber es gibt so die Beobachtung auch der Psychotherapie.
00:01:57: das is Menschen gebt die durchaus auch da zu solchen extremen Neigen und vor allen Dingen Hilfsbereit sind vor allen Dingen, um sich selber zu stabilisieren.
00:02:08: Das heißt das kommt nicht nur anderen Menschen zugute sondern die tun das vor allem für sich selbst und dann in einem Ausmaß dass es ihnen am Ende sogar selber schadet.
00:02:17: Es gibt in dem Zusammenhang ja auch den Begriff pathologischer Altruismus.
00:02:21: Ist das aus ihrer Sicht eine treffende Bezeichnung für das Helfer-Syndrom oder wie wird das in der Fachwelt eingeordnet?
00:02:26: Pathologisch legt erst mal nah oder bedeutet krankhaft.
00:02:30: Trotzdem, obwohl das so klingt ist das jetzt kein Begriff den wir in der Psychotherapie ganz häufig nutzen aber er soll eben den Blick darauf lenken dass es auch von guten Eigenschaften Ausprägungen geben kann die dann niemandem mehr zugute kommen.
00:02:47: und dieser pathologische Altruismus Der hat halt weniger im Kern, dass es so um die noble Absicht geht.
00:02:55: Sondern mehr darum, dass man etwas für sich selber tut, für sein Image oder einfach auch weil man vielleicht früher in der Biografie verinnerlicht hat das man nur dann ein liebenswerter Mensch ist oder nur dann etwas wert ist wenn man ganz viel für andere tut.
00:03:11: und das geht dann wirklich in Richtung.
00:03:12: diese sind selbst ausbeuterisch für die Personen selber können aber durchaus sogar anderen Menschen schaden.
00:03:19: Sie haben jetzt gerade schon die Biografie angesprochen.
00:03:22: Warum haben denn manche Menschen ein besonders starkes Bedürfnis, ständig für andere da zu sein oder deren Probleme zu lösen oder zu helfen?
00:03:28: Warum ist das so?
00:03:30: Also die Biographie spielt ja auf jeden Fall eine ganz starke Rolle.
00:03:33: wenn ich zum Beispiel in meiner frühen Kindheit die Erfahrung machen musste, dass Zuwendung und Liebe an Bedingungen geknüpft ist.
00:03:43: Und zwar zum Beispiel an die Bedingung das ich still bin angenehm hilfsbereit unauffällig also.
00:03:50: das heißt mir wurde nahegelegt, dass Ich als Person auf eine gewisse Art und Weise agieren muss und nur dann kann ich mich der Zuwendungsversichern und Das haben Menschen mit solchen überbordenden altruistischen Tendenzen häufig stark verinnerlicht Grunde dienlich sein müssen und nur dann fühlen sie sich auch als wertvoller Mensch oder nur dann, fühlen Sie sich überhaupt auch berechtigt Liebe zu bekommen.
00:04:16: Das heißt die können wahrscheinlich nicht so leicht einfach mal Nein sagen?
00:04:20: Nein sagen ist ein riesiges Problem, das fällt ja den meisten Menschen sowieso schwer.
00:04:24: Aber Menschen mit so einem Stil erleben einen Nein nicht als eine gesunde Grenze die wir in unserem Miteinander einfach auch mal brauchen sondern für die fühlt sich das an wie ein Kontaktabbruch.
00:04:36: oder es würden sie die Beziehung aufkündigen wenn Sie nein sagen.
00:04:40: Das ist für diese Menschen nochmal extrem schwierig.
00:04:44: Sie haben es vorhin schon kurz angeteasert, dass zu viel Hilfe ja auch schädlich sein kann.
00:04:47: Also zum einen vielleicht für die Person, die immer wieder hilft aber kann das auch schildlich sein für die Personen der geholfen wird?
00:04:53: Ja, das wird häufig übersehen.
00:04:56: Dass Menschen die mit jemandem zusammenleben zum Beispiel in der Familie oder in einer Partnerschaft, der ihnen ständig alles abnimmt, der ständig hilft – dass das auch für mich als Empfänger vielleicht gar nicht so günstig sein kann.
00:05:08: Weil zum einen schwingt ja immer ein bisschen das subtile Signal mit, dass man es mir nicht zutraut und ich es nicht kann, dass ich nicht so kompetent bin oder die Sachen nicht so gut oder sorgfältig mache oder so schnell aber es erwachsen zum anderen ja auch reale Kompetenzdefizite.
00:05:26: Also wenn man sich bewusst macht, dass jemand mir ständig was abnimmt weil er sagt ich mach das mal eben oder mir geht das so leicht vor der Hand und ich mache es ganz fix für dich bedeutet natürlich, dass ich es vielleicht selber unter Umständen gar nicht lerne oder bestimmte Kompetenzen wirklich auch nicht gut verinnerliche und dann kommt ein Teufelskreis in Dann kann ich bestimmte Dinge tatsächlich nicht so gut oder nicht so schnell.
00:05:50: Und dann fühlt sich wieder die hilfsbereite, helfende Person, die da vielleicht schon ein bisschen zu tief drin hängt immer wieder befleißigt mir das abzunehmen und so ist es ein schöner Kreislauf der da am Laufen bleibt.
00:06:02: Können Sie denn sagen ob es Unterschiede gibt zwischen Männern und Frauen wie sie mit dem Thema helfen umgehen?
00:06:07: Ja also das ist ganz interessant!
00:06:09: Ich schicke voran.
00:06:10: Es geht natürlich nicht um jeden Mann oder jede Frau, sondern das sind statistische Größen über die wir hier sprechen.
00:06:16: aber wir wissen dass so diese unsichtbaren eher unauffälligen Alltagshilfen mehr von Frauen geleistet werden und auch im Alltag vielmehr von Frauen gestemmt werden.
00:06:28: also Stichwort Kehrarbeit Pflegearbeit und alles was nicht so glamourös ist vielleicht sondern im Hintergrund einfach läuft während tendenziell Männer manchmal eher zu So heroischen Akten neigen oder so schnell einspringen und zur Hand gehen.
00:06:44: Also einen Reifenwechsel am Straßenrand würden sie vielleicht eher beobachten, dass da ein Mann hilft.
00:06:50: aber so ganz pragmatisch und täglich im Alltag wird Hilfe von Frauen geleistet.
00:06:56: Und ich erlebe es in der Praxis auch eher als Frauenthema.
00:06:59: Da habe ich persönlich die Beobachtung, dass Frauen, die dann irgendwann ein Thema haben also auch Hilfe aufsuchen.
00:07:06: deswegen Die sind häufig auch noch beruflich, ganz stark in so helfenden Berufen unterwegs.
00:07:12: Das heißt im sozialen Bereich, im fliegerischen Bereich als Krankenschwester, als Erzieherin, als Lehrkraft.
00:07:19: also das finde ich ist schon ein sehr weibliches Thema.
00:07:23: D.h.,
00:07:23: dass Helfer-Syntroben dann wahrscheinlich stärker bei Frauen ausgeprägt?
00:07:26: Kann man das so sagen?
00:07:28: Ja würde ich so sagen aus meiner klinischen Erfahrung.
00:07:31: Jetzt zum Schluss vielleicht noch mal eine Frage um in die Praxis für sich selbst zu kommen.
00:07:34: Was würden Sie denn jetzt jemandem raten, der das vielleicht bei sich selbst merkt?
00:07:38: Also merkt ich kümmere mich ständig im andere und vergesse dabei manchmal dass auch ich vielleicht Grenzen habe.
00:07:43: also wie kann man da vielleicht lernen gesunde Grenzen zu setzen oder da irgendwie rauszukommen?
00:07:47: Also das Allerwichtigste ist natürlich erstmal, dass man dieses Muster erkennt.
00:07:50: Dass man wirklich merkt ich habe da ein Problem Ich bin übermäßig hilfsbereit und schaffe mich dadurch ständig an meine Belastungsgrenzen und darüber hinaus.
00:08:01: Das muss man erst mal realisieren, dass das nicht unbedingt nur aus der Umwelt und aus dem Umfeld kommt sondern dass sich da selber daran beteiligt sind.
00:08:09: Und dann rate ich den Betroffenen immer, erst mal mit diesem voraus eilenden Gehorsamschluss zu machen.
00:08:16: Bei meiner Beobachtung nach Menschen die dazu neigen sehr stark Dinge tun und erfüllen um die sie noch nicht einmal gebeten wurden.
00:08:23: Das ist ein super guter Einstieg damit Schlusszumachen dass man erstmal abwartet ob man überhaupt um Hilfe gebetet wird oder gefragt wird.
00:08:32: Ob man um etwas gebetend wird bevor man direkt voll in die Bresche springt.
00:08:36: also damit könnte man vielleicht schon mal anfangen
00:08:39: Im Kleinschritten also versuchen einfach mal abzuwarten, ob überhaupt nach Hilfe gefragt wird.
00:08:44: Vielen Dank Frau Girouti für das spannende Gespräch!
00:08:46: Supergerne, danke schön!
00:08:48: Und jetzt geht es weiter mit einem Hobby über den man auch Geduld braucht allerdings nicht um sich abzugrenzen und auch mal auf sich selbst zu achten sondern um Vögel zu entdecken.
00:08:56: Das ist gerade nämlich voll im Trend und meine Kollegin und Wissenschaftsredakteurin Berena Müller hat sich das Bördigen wie das heißt Mal genauer angeschaut und darüber auch ein Artikel geschrieben.
00:09:07: Warum isst er so?
00:09:09: Die kleine Alltagsfrage.
00:09:12: Hallo, Verena!
00:09:13: Ja hallo?
00:09:13: Verena du hast dich in einem Artikel ja länger mit dem Trend beschäftigt.
00:09:17: Warum erlebt denn Birding gerade so ein Boom?
00:09:20: Weil ich glaube das Vogelbeobachten genau einen Nerv unserer Zeit trifft.
00:09:25: also wir leben in einer Welt in der ständig irgendwas auf uns einprasselt Nachrichten, Social Media, KI Arbeit Krisen Kriege Und beim Vogelbeobachten passiert eigentlich genau das Gegenteil.
00:09:37: Man steht einfach irgendwo und wartet auf ein Vogel, das klingt erst mal ziemlich unspektakulär und ist es wahrscheinlich auch.
00:09:44: aber offenbar ist genau das der Reiz an der Sache.
00:09:47: Ich habe zum Beispiel mit einem neun-dreißigjährigen Oberkommissar gesprochen und der hat einen ziemlich stressigen Job für Verantwortung viel Druck und inzwischen geht er teilweise um drei Uhr fünfzehn vor der Arbeit noch los um Vögel zu beobachten.
00:10:02: Und der hat einen Satz gesagt, den ich ziemlich bezeichnet fand.
00:10:06: Er meinte, je größer der Druck wurde oder ist das zu mehr brauche ich diese Flucht.
00:10:12: und letztendlich meinte er es genau dass es geht mal nicht um Leistung und um Konkurrenz.
00:10:19: Dazu kommt wahrscheinlich auch, dass Birding ziemlich niedrigschwellig ist.
00:10:23: also man muss nicht irgendwo weit reisen oder braucht eine besondere Ausrüstung.
00:10:28: ein einfaches Fernglas macht's auch und man kann einfach in den Park nebenan gehen, in den Stadtwald oder auf den Friedhof.
00:10:36: Und sieht dort einen Specht oder ein Amse... ...und schon das ist es wahrscheinlich was genau diese Faszination
00:10:42: ausmacht.".
00:10:42: Was macht denn Birding mit uns?
00:10:44: Oder mit unserem Körper, mit unserem Gehirn?
00:10:46: Kann man da irgendwie auch sagen, was da
00:10:47: passiert?".
00:10:48: Ja der passiert tatsächlich ziemlich viel.
00:10:50: Zarre Studien haben zum Beispiel gezeigt dass wenn man gezielt immer wieder rausgeht dann sinkt dabei der Puls und der Blutdruck, auch der Cortisol-Spiegel.
00:11:01: Also dieses sehr wichtige Stresshormon.
00:11:04: Und Menschen berichten wiederum nachdem sie Vögel gezielt beobachtet haben das die Zufriedenheit und auch die Freude danach deutlich größer war als zuvor.
00:11:15: man kann eigentlich sich diesen Mechanismus ganz einfach vorstellen wenn man einen Vogel im Gebüsch oder auf dem Baum finden will dabei nicht auf seinen Handy starmen oder seine E-Mails beantworten, über den nächsten Termin nachdenken.
00:11:30: Man steht ja einfach,
00:11:33: blauscht,
00:11:34: beobachtet, sucht und bedient letztendlich die unterschiedlichen Sinne.
00:11:39: Und das ist auch eigentlich am Ende des Interessantes dabei, dass das Gehirn auf eine sehr sanfte Weise stimuliert wird.
00:11:48: Das Gehirnen muss sich nicht extrem konzentrieren, sondern allein durch diese einzelnen Reize, die es von den verschiedenen Vogelrufen oder dem Rascheln oder auch diesem Bewegen im Augenwinkel da bekommt.
00:12:03: Und es gibt auch schon Studien dazu dass genau diese Reize dazu führen das bestimmte Hirnstrukturen besser vernetzt sind bei Burning Fans als bei Menschen, die keine Vögel beobachten.
00:12:18: Und zwar sind das vor allem die Bereiche, die für Aufmerksamkeit und Gedächtnis wichtig
00:12:23: sind.".
00:12:23: Das heißt ein bisschen Birding würde uns vielleicht
00:12:25: allen
00:12:26: ein bisschen gut tun?
00:12:27: Vielen Dank dir, Verena, für das Gespräch!
00:12:29: Danke dir auch!
00:12:31: Und damit sind wir jetzt auch schon am Ende dieser AHA-Folge angekommen.
00:12:34: Den Link zu Berenas Artikel findet ihr in den Shownotes und wenn ihr noch Themen habt, die wir uns für euch mal näher anschauen sollen dann schreibt sie uns doch super gerne in die Kommentare oder auch per Mail an wissenatwelt.de.
00:12:45: Ich bin Fiona Wink und sage tschüss für heute bis bald!
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