Zeitwahrnehmung: Warum die Zeit mal rast, mal stillsteht
Shownotes
Warum fliegt die Zeit nur so dahin, wenn man Spaß hat und zieht sich scheinbar ewig, wenn wir auf etwas warten? Klar: Zeit vergeht immer gleich schnell. Aber unsere Zeitwahrnehmung ist ganz schön individuell. Und beeinflussbar etwa durch Routinen oder auch die Nutzung digitaler Medien, sagt Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Er ist zu Gast in dieser Folge von "Aha! Zehn Minuten Alltagswissen" zum Thema Zeitwahrnehmung.
Danach geht es um eine Regel im Flugzeug: Warum müssen Passagiere bei Start und Landung die Sonnenblenden an den Fenstern öffnen?
"Aha! Zehn Minuten Alltags-Wissen" ist der Wissenschafts-Podcast von WELT. Wir freuen uns über Feedback an wissen@welt.de.
Produktion: Sebastian Pankau Redaktion: Sophia Häglsperger
Impressum: https://www.welt.de/services/article7893735/Impressum.html https://www.welt.de/services/article157550705/Datenschutzerklaerung-WELT-DIGITAL.html
Transkript anzeigen
00:00:00: Zeit ist etwas Merkwürdiges.
00:00:01: Klar, objektiv betrachtet vergeht sie immer gleich schnell – eine Minute dauert sechszig Sekunden!
00:00:07: Und trotzdem können sich die letzten Minuten vor dem Feierabend endlos ziehen und ein schöner oder aufregender Moment ist leider viel zu schnell vorbei.
00:00:15: Genau das hat auch unser Hörer Max beobachtet und uns gefragt, warum ist es so?
00:00:21: Was beeinflusst unsere Zeitempfinden?
00:00:23: Darum geht's in dieser Folge….
00:00:25: Und wir beantworten die Frage, warum man im Flugzeug bei Start und Landung die Sonnenblende des Fensters öffnen muss.
00:00:32: Ich bin Sophia Hagelsperger, schön dass ihr zuhört!
00:00:44: Wir besitzen Augen zum Sehen und Ohren zum Hören – aber für die Zeit haben wir kein eigenes Sinnesorgan.
00:00:51: Und trotzdem können wir ja irgendwie spüren ob gerade eher Sekunden, Minuten oder sogar Stunden vergangen sind….
00:00:57: Nur verlässlich ist dieses Gefühl nicht immer.
00:01:00: Unsere Zeitwahrnehmung ist nämlich ganz schön individuell und beeinflusbar, etwa durch Routinen oder auch die Nutzung digitaler Medien, sagt Mark Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie- und Psychohigiene in Freiburg.
00:01:14: Er erforschen Experimente, warum Zeit jener Situation um Befinden unterschiedlich wahrgenommen wird Wie das alles zusammenhängt?
00:01:21: Und was wir tun können, um Zeit bewusster wahrzunehmen, erklärt er mir im Gespräch.
00:01:28: Herzlich willkommen, Herr Dr.
00:01:29: Wittmann!
00:01:30: Schön, dass Sie da sind.
00:01:31: Grüß
00:01:31: Gott Frau Hegelberg.
00:01:32: Fangen wir mal bei einer ganz grundsätzlichen Frage an.
00:01:36: Und zwar haben wir Menschen ja eben kein eigenes Organ um die Zeit wahrzunehmen.
00:01:40: und doch gelingt es uns die Zeit zu spüren also zum Beispiel einzuschätzen wie viel Zeit vergangen sein wird?
00:01:45: Wie funktioniert denn dann unser Zeitempfinden?
00:01:47: Man kann so unterscheiden die Zeitwahrnehmung, weil es gibt nicht DIE Zeitwahlnehmungen.
00:01:53: Sondern einerseits die Zeit-Wahrnehrmung im Moment also dass ich fühle wie die Zeit zum Beispiel in der Wartezeit vergeht Und da sind die Körperprozesse, unsere Wahrnehmung von uns selbst und unserem Körper selbst entscheidend.
00:02:07: Ich kann ja meine Augen schließen, ich kann die Ohren verstopfen.
00:02:10: Das heißt, ich habe keinen Input.
00:02:12: dann über dieses sensorische Organe, es sind das Organe aber ich krode gerade dann nämlich die Zeit besonders war.
00:02:19: Warum?
00:02:19: Weil wir immer unseren Körper haben der ständig Signale ans Gehirn sendet und wir ständig uns spüren, wie wir langsam immer hungriger werden.
00:02:28: Wie wir vielleicht schwitzen oder durchstammen usw.
00:02:31: Und das heißt diese Körperlichkeit die eine eigene zeitliche Dynamik hat, die nehmen wir wahr und darüber können wir Zeiturteile bilden.
00:02:41: Das ist so im Moment.
00:02:42: aber wenn wir Rückblicken in der Zeit also zum Beispiel wie schnell es die letzte Woche vergangen Da muss man natürlich auf Gedächtnisinhalte rekurrieren, weil da gibt es ja nichts anderes an das Gedächnis der letzten Woche.
00:02:54: Was ist da passiert?
00:02:55: Und die Faustregel da ist je mehr ich erlebt habe, je mehr Emotionales ich erlebt hab, desto länger die subjektive
00:03:02: Zeit.".
00:03:03: Okay super!
00:03:03: Jetzt haben Sie mir damit schon ein Stichwort gegeben.
00:03:06: Subjektives Zeitempfinden Das kennen wir wirklich jeder.
00:03:09: Objektiv ist die Zeit immer gleich lang, aber sie fühlt sich total unterschiedlich an und deswegen würde ich gerne mit ihnen jetzt ein paar Alltags-Situationen durchgehen, in denen das spürbar wird.
00:03:19: Die erste Situation wäre die Ich habe eine Superzeit.
00:03:22: Sagen wir mal ein super schönes Date und die Zeit verfliegt mir so Warum kommt mir das so vor?
00:03:28: Ja, das geht um die Zeit im Moment erlebend oder eben gerade nicht.
00:03:32: Also wenn ich Spaß habe dann achte ich ja nicht auf mich selber, warum auch?
00:03:36: Das ist eher in der Wartezeit, es passiert nix und dann dehnt sich die Zeit.
00:03:40: aber wenn ich Spass hab mit Freunden zusammen bin, dann achten ich ja überhaupt nicht auf die Zeit!
00:03:45: Ich achte auch nicht auf mir selbst, das ist ja dann der Grund dafür Und deswegen vergeht die Zeit ganz schnell.
00:03:51: Also es gibt ja dieses Flow-Konzept, im Flow der Dinge wo ich so absolut fokussiert bin in dem was ich tue aber eben auch im Spaß wenn ich viel unterhaltsame gute schöne Sachen mit Freunden mache vergeht die zeit ganz schnell weil ich mich selber nicht bemerke.
00:04:06: und dann noch ein anderes Phänomen Zeiggefühl im Alter.
00:04:11: wieso habe ich das Gefühl dass die Jahre schneller vergehen je älter ich werde?
00:04:15: Das ist dann wieder ein Gedächtnis Effekt.
00:04:18: also Ich sage, Mensch es ist schon wieder ein Jahr rum.
00:04:21: Jetzt ist es schon wieder Weihnachten oder jetzt muss ich die Steuererklärung machen.
00:04:26: Das sind so Dinge, die müssen über das Gedächtnis erfolgen diese Zeiturteile.
00:04:32: und die Sache ist die dass wir immer routinierter werden im Alter.
00:04:37: Die Dinge haben nicht mehr diesen Neuartigkeitscharakter.
00:04:40: was früher zum ersten Mal war haben wir jetzt vielleicht schon zum hundertsten Mal erlebt.
00:04:45: Und deswegen vergeht die Zeit immer schnell, das ist eine, dass es quasi tatsächlich die Gedächtnisinhalte durch Routine weniger werden.
00:04:54: Das andere ist aber durchaus auch in fortgeschrittenem Alter dann auch, dass wir gar nicht mehr so gut kognitiv die Dinge wahrnehmen können und nicht mal so schnell sind, nicht mehr viel aufnehmen können, dieses Gedächnes schwächer wird und es fängt leider schon langsam mit dem ungefähr dreißigsten Lebensjahr an, dass wir nicht mehr so mentalkognitiv fit sind.
00:05:17: Und das ist ein zweiter Faktor, warum die Zeit immer schneller vergeht, je älter wir werden.
00:05:21: Ja spannend!
00:05:23: Ich habe mich auch gefragt was für einen Einfluss unsere heutige Lebensrealität auf der Zeit empfinden hat?
00:05:29: Wir leben ja superdigital, werden mit News bombardiert und neuen Ereignissen in Echtzeit.
00:05:36: Weiß mal was darüber, wie eben diese Geschwindigkeit des Lebens heute unsere Zeitvornehmung beeinflusst?
00:05:42: Also einerseits kennen wir das alle.
00:05:45: Der Bus kommt, da kommt er erst.
00:05:46: in fünfzehn Minuten bin ich noch zu Hause.
00:05:49: dann gehe ich zum Beispiel in die App oder irgendwas schaue ich rum welche E-Mails und ich schau irgendwelche Nachrichten.
00:05:55: plötzlich merke ich auch, ich habe den Bus verpasst.
00:05:57: Warum?
00:05:57: Ich hab die völlig Zeit verloren!
00:05:59: Ich habe nicht gemerkt warum wieder weil ich mich selber nicht bemerkt habe und mich ich mich verliere in sozusagen der digitalen Welt.
00:06:09: Das ist so das im Moment kurzzeitig dass wir uns verlieren oder wir merken Menschen.
00:06:14: jetzt habe ich eineinhalb Stunden da in der Digitalen Welt verbracht und ich habe die Zeit überhaupt nicht gemerkt.
00:06:19: Fatale ist auch noch, weil wir so schnell rumhüpfen in der digitalen Welt.
00:06:24: Merken wir die Dinge auch nicht zu stark?
00:06:27: Sie sind auch nicht so emotional vielleicht aber selbst wenn irgendwas emotionales hupfen wir gleich weiter.
00:06:31: Wir können die Dinge gar nichts im Gedächtnis behalten.
00:06:34: deswegen vergeht die Zeit schnell allerdings auch dann im längerfristigen haben wir eine Studie selber durchgeführt mit Kollegen von sechs verschiedenen europäischen Ländern.
00:06:44: je mehr sich die Leute sozusagen Auch positiv mit in den digitalen Medien verlieren, desto schneller vergeht für sie auch generell die Lebenszeit.
00:06:56: Das ist ein kleiner Effekt aber tatsächlich zeigt sich das auch über die Frage wie schnell es einen Tag vergangen hat.
00:07:01: Auch da sind die Digitalmedien ein kleiner Zeitkiller.
00:07:06: Ja und auf dieser Faktor, den Sie angesprochen haben dass man sich nicht so spürt kann ich total gut nachvollziehen weil es irgendwie ausgeschalten wird mit den digitalten Medien.
00:07:16: Haben Sie denn ein Tipp, wenn ich sage ne?
00:07:18: Ich will aber nicht dass mir hier das Leben so verbeirauscht.
00:07:20: Wie kann man dann sein Zeitgefühl ein bisschen beeinflussen denen bewusster sein?
00:07:25: Ja
00:07:25: also mehr auf sich selber und seine Gefühle achten im Moment erleben sozusagen ja also das ist quasi...ich muss mich selber mehr erleben wie es mir geht, meine Emotionen, meine Gedanken.
00:07:39: Dass ich versuche aus so ein Alltagsmodus, ja, so einem Autopilot-Modus wenn man das will wo wir alle die Dinge einfach runter abarbeiten oder so dass sich da rauskomme und mir selber mehr gewahr werde.
00:07:52: Und es hat auch einen positiven Effekt auf die langfristige Zeit Wenn ich dann zurückblicke, dass wenn nicht mehr emotionaler ist erleben dass ich offen bin für neue Erfahrungen etc.
00:08:02: Beim Rückblick dehnt sich auch die Zeit.
00:08:07: Also Stichwort Emotionen, weniger Routinen und vielleicht ein bisschen weniger von Social Media & Co.
00:08:14: Vielen Dank für die Einblicke Dr.
00:08:15: Wittmann!
00:08:16: Ich
00:08:16: bedanke mich, Schau Heggelsberger.
00:08:18: Ein Ort an dem ich komplett das Gefühl für Raum-und-Zeit verliere ist das Flugzeug.
00:08:23: Kein Wunder man sitzt ja da in einer Metallröhre mehrere Kilometer über der Erde bewegt sich mit hunderten Stundenkilometern durch die Luft und bekommt davon aber kaum was mit.
00:08:32: Also genau das Gegenteil von dem, was Dr.
00:08:34: Wittmann mit bewussterkörperlicher Wahrnehmung gemeint hat.
00:08:37: Aber immerhin hat man im Flugzeug meist genügend Zeit sich ein paar Fragen zu stellen.
00:08:42: Zum Beispiel welchen Zweck hat es eigentlich dass ich bei Start und Landung die Sonnenblenden an den Flugzeugfenstern öffnen muss?
00:08:52: Warum ist das
00:08:53: so?!
00:08:53: Die kleine Alltagsfrage!
00:08:56: Bei Start-und-Landung bitte Bländen an den Fenstern Öffnen.
00:09:00: Diese Durchsage die kennen wir.
00:09:02: Und genauso wie der vorgeschriebene Gurt hat das Sicherheitsgründe und ist vorgeschrieben, damit das Flugzeug abheben oder landen darf.
00:09:10: Der Grund ist dass die Besatzung freie Sicht nach draußen haben muss.
00:09:13: Start- und Landungen sind die Flugphasen in denen am ehesten etwas passieren kann.
00:09:18: Und sollte es tatsächlich zu einem Notfall kommen, muss der Blick nach draußen frei sein.
00:09:22: Etwa um zu erkennen ob die Nudausgänge frei sind... ...oder ob Gefahren durch Rauch oder Feuerdrohnen.
00:09:28: Außerdem, bei einem Stromausfall im Flugzeug ist das Umgebungslicht draußen die einzige Lichtquelle.
00:09:33: Ist es draußen hell hilft das den Flugreisenden bei der Orientierung?
00:09:37: Ist es dunkel?
00:09:38: zum Beispiel bei Nachtlandungen gewöhnt sich die Augen durch die geöffneten Blenden schon vorab an das schwache Licht.
00:09:44: Das ist im übrigen auch der Grund wieso die Lichter in der Kabine beim Start und bei der Landung ausgeschaltet werden.
00:09:49: Aber kein Grund zur Beunruhigung.
00:09:51: Notfälle sind zum Glück extrem unwahrscheinlich.
00:09:54: Fliegen ist statistisch gesehen eine der sichersten Fortbewegungsarten überhaupt.
00:09:58: Die Blenden zu öffnen, ist eine Vorsichtsmaßnahme genau wie das Verstaunen des Gepäcks, das Hochklappen der Tische und das Anschneiden.
00:10:05: Sind all diese Vorbereitungen abgeschlossen, kommen von der Kabinencrew das Signal Cabin Ready – und dann dauert es meist nicht mehr lange bis man endlich an seinem Urlaubsziel angekommen ist!
00:10:16: Ich hoffe natürlich, diese Folge ist für euch wie im Flug vergangen wegen der Alltagsfrage die Leon Sems für uns recherchiert hat und natürlich wegen der Fakten zu unserem Zeitgefühl.
00:10:25: Danke Max für deine tolle Frage!
00:10:27: Und falls ihr auch wollt dass wir uns für euch ein Thema vornehmen dann schreibt uns sehr gerne an wissenatwelt.de oder kommentiert gerne unter dieser Folge.
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