Doomscrolling: Warum schlechte Nachrichten süchtig machen können
Shownotes
Kriege, Krisen, Katastrophen: Wer einmal anfängt, schlechte Nachrichten auf dem Smartphone zu lesen, hört oft schwer wieder auf. Dafür gibt es mittlerweile einen Namen: "Doomscrolling". Damit gemeint, endloses Scrollen von einer schlechten Nachricht zur nächsten. Warum bleiben wir besonders an negativen Nachrichten hängen, obwohl wir doch merken, es tut uns nicht gut? Darum geht es in dieser Folge von "Aha! Zehn Minuten Alltagswissen" gemeinsam mit dem Professor für Cognitive and Brain Sciences Christian Montag von der University of Macau.
Danach geht es in der kleinen Alltagsfrage um die schwarzen Punkte an den Rändern von Fenstern in Bussen und Bahnen: Denn wozu sind die da?
Hier geht es zu einer Studie zum Thema Existenzangst und Doomscrolling: “Doomscrolling evokes existential anxiety and fosters pessimism about human nature? Evidence from Iran and the United States”: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S245195882400071X
Hier geht es zu weiteren Aha!-Folgen: "Abhängig von TikTok und Instagram? Wie Mediensucht beginnt": Spotify / Apple
"Wie digitale Medien unser Gedächtnis verändern": Spotify / Apple
"Aha! Zehn Minuten Alltags-Wissen" ist der Wissenschafts-Podcast von WELT. Wir freuen uns über Feedback an wissen@welt.de.
Produktion: Serdar Deniz Redaktion: Sophia Häglsperger
Impressum: https://www.welt.de/services/article7893735/Impressum.html https://www.welt.de/services/article157550705/Datenschutzerklaerung-WELT-DIGITAL.html
Transkript anzeigen
00:00:00: Nur noch kurz die Nachrichten checken.
00:00:02: Und plötzlich ist eine halbe Stunde rum und obwohl man sich nach Updates zu Krieg- und Krisen schlechter fühlt, kann man das Handy einfach nicht weglegen.
00:00:11: Genau das ist Doomscrolling!
00:00:13: Damit es gemeint sehr viel Zeit damit zu verbringen von einer schlechten Nachricht zur nächsten zu scrollen.
00:00:19: Ich finde, man kann schnell in einem solchen Rabbit Hole landen.
00:00:22: Die Nachrichtenlage entwickelt dann fast so etwas wie einen Soak.
00:00:26: Aber warum ist das so?
00:00:28: Und warum bleiben wir besonders an negativen Nachrichten hängen, obwohl wir doch merken es tut uns nicht gut.
00:00:34: Das schau ich mir in dieser Folge an!
00:00:36: Danach klären wir was es eigentlich mit diesen schwarzen Punkten am Rand von Fenstern in Bussen und Bahnen auf sich hat.
00:00:43: Ich bin Sophia Hagelsberger.
00:00:45: schön dass ihr mir lieber zuhört anstatt zu Doomscrollen und damit herzlich willkommen!
00:00:50: Aha!
00:00:51: Zehn Minuten
00:00:53: Alltagswissen
00:00:54: Ein Podcast von Welt.
00:00:59: Doom, das bedeutet so viel wie Untergang und Scrollen?
00:01:03: Klar!
00:01:03: Das kennen wir – endloses Weiterwischen.
00:01:06: Und genau das ist die Grundlogik unserer digitalen Nachrichtenwelt.
00:01:10: Es gibt kein natürliches Ende mehr.
00:01:12: Die Inhalte reißen nie ab.
00:01:14: Das führt dazu dass viele Menschen über stunden negative Nachrichten konsumieren.
00:01:19: Besonders deutlich wurde das während der Corona-Pandemie.
00:01:22: in dieser Zeit stieg der digitale nachrichtenkonsum massiv an.
00:01:26: Trotzdem ist Doom-Scrolling noch ein vergleichsweise neues Phänomen und deshalb wissenschaftlich nicht vollständig erforscht.
00:01:33: Erste Studien zeigen aber, dass exzessive Konsum negativer Nachrichten die Entstehung oder auch Verstärkung von Ängsten und Stress begünstigen kann.
00:01:42: Mit den Effekten sozialer Medien und digitaler Inhalte beschäftigt sich der Psychologe Christian Montag.
00:01:48: Er forscht an der University of Macau in China und ist dort Professor für Cognitive and Brain Sciences – heute zu Gast bei mir!
00:01:58: Herzlich willkommen,
00:01:59: Herr Professor Montag.
00:02:00: Schön, dass Sie da sind!
00:02:01: Ja schön, dass ich hier sein darf.
00:02:03: Worum geht's denn beim Doomscrolling?
00:02:06: Also wir kennen das... Man kann irgendwie nicht aufhören mit dem Nachrichtenkonsum.
00:02:09: man scrollt
00:02:10: weiter obwohl man schon ahnt es tut einem
00:02:12: nicht gut.
00:02:13: Warum machen wir das?
00:02:15: Jetzt haben wir eine Kombination von Design-Elementen auf den sozialen Medien, die ja eine große Rolle spielen.
00:02:20: Also Scrolling sagt schon es hat etwas mit dem Endless-Scrolling zu tun.
00:02:23: das ist kein natürliches Ende mehr auf den Sozialen Medien gibt.
00:02:26: Das ist ein gezieltes Design-element was natürlich eingesetzt wird um Raum und Zeit zu verlieren um die Nutzen länger auf der Plattform zu halten Und das Ganze trifft dann häufig eben auch durchaus eine Personalisierung.
00:02:38: Das heißt, die Industrie arbeitet ja mit den digitalen Fußabdrücken der Nutzen und um jeden Tag so die persönliche Tageszeitung dort zu präsentieren.
00:02:47: Jetzt kommt ein weiteres Phänomen in Spielen nämlich dass hat sich im Studien eigentlich erhärtet, dass vor allen Dingen negative Botschaften eine große Reichweite auf den sozialen Medien finden.
00:02:58: Es ist nachgewiesen, besonders mit negativen Botschaften stark interagieren, diese Botschaft auch stark teilen und deswegen finden die dann tatsächlich in sehr vielen Feeds eine große Reichweite.
00:03:12: In unserer Gehirn verarbeitet gerade diese negatifen Botschaft extrem stark weil sie könnten ja vor unser Überleben aus einer evolutionären Perspektive von großer Bedeutung sein so dass man eben an diesen Botschaft noch eher dran hängen bleibt und entsprechend dann auch sehr, sehr häufig in den Feeds mit diesen vielen, vielen negativen Botschaften.
00:03:32: Die dann häufig auch Fake News tatsächlich sind eben
00:03:35: verweilt.".
00:03:36: Sie haben jetzt schon angesprochen das Design der Apps dieses Scrolling – das gab es früher nicht!
00:03:41: Ich frage mich auch ob's mit unserer generellen Nachrichtenlage zu tun hat?
00:03:45: Wir können eben auf so vielen Kanälen rund um die Uhr uns informieren….
00:03:49: Jetzt zum Beispiel auch das Hunter-Virus.
00:03:51: viele Menschen sind besorgt wollen jedes Update mitbekommen.
00:03:55: Vielleicht
00:03:55: kann man es vergleichen mit Nine Eleven.
00:03:57: Damals waren ja auch viele Menschen an Bildschirm gefesselt, damals war's halt TV und Radio... Was ist jetzt anders wenn ich auch auf dem Handy noch die Nachrichten bekomme rund um die Uhr?
00:04:08: Es ist natürlich schon richtig das wir in bewegten Zeiten leben.
00:04:11: also wir haben zumindest gefühlt sehr viele Krisen die jetzt eben bei einander oder parallel ablaufen.
00:04:18: Aber wenn man sich das Menschheitsgeschichtlich anschaut, muss man sich fragen ist es tatsächlich so dass wir heute in Zeiten leben die Krisen behafteter sind als früher.
00:04:27: Also kann ja relativ man die sechziger Jahre schauen da gab's die Kuba-Krise, da gab´s ein Vietnamkrieg dann waren auch viele Krisen die in häufig eben im kurzer Folge aufeinander eben eingeprasselt oder parallel stattgefunden haben.
00:04:42: Ich glaube, was sich verändert hat ist natürlich dass heutzutage in real time in echt Zeit Botschaften eine sehr schnelle Verbreitung finden und das eben nicht nur über ein Social Media Kanal sondern über viele Kanäle.
00:04:56: Das halt nicht nur wie früher, dass man sich dann übers Radio oder übers Fernsehen oder über den Medium wie die Tageszeitung informiert hat.
00:05:03: Sondern heute kommt das Ganze eben dann noch algorithmisiert Sehr schnell eben über viele Medien an uns heran.
00:05:12: Und ich glaube, das macht den Unterschied.
00:05:14: Dass sie eben heute auch kleinste Krisen natürlich emotional sehr schnell aufgeblasen werden können und dann eben dadurch dass das Smartphone unser ständiger Begleiter ist, eben auch sofort von uns konsumiert werden kann.
00:05:27: Ja, ich habe auch den Eindruck es wirkt halt verzerrend.
00:05:29: man könnte gerade annehmen alles wird immer nur schlechter.
00:05:32: dabei ist er mir eigentlich nicht so.
00:05:35: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zukunftsängsten und Doomscrolling oder bedingt das eine, dass andere?
00:05:41: Wenn ich eh schon ängstlicher bin, neige ich eher zum Doomscrolling.
00:05:45: Wie läuft das ab?
00:05:47: Das ist eine sehr gute Frage.
00:05:49: Es gibt tatsächlich eine wissenschaftliche Arbeit die im Zusammenhang hergestellt hat zwischen vermehrten Doomscrollings und dass diese Personen auch existenzielle Ängste haben.
00:06:00: aber es ist unklar in welche Wirklichkeit.
00:06:02: diese Mechanismen arbeiten.
00:06:04: Das könnte ja sein auch jemand, der mal vom Natur aus Erde zu neigt eben diese Ängste zu haben.
00:06:10: Dass die dann auch sagen.
00:06:11: ich muss jetzt besonders eben das Social Media Monitoren und werden deswegen besonders häufig mit diesen negativen Botschaften konfrontiert.
00:06:21: Und es könnte aber natürlich auch andersrum sein dass also gerade diese ständige Doom Scroll'n dann dieser existenziellen Ängsten tatsächlich erhöht.
00:06:30: Das heißt, was wir hier bräuchten ist ein Längenschnitt.
00:06:32: Also dass diese Daten über den längeren Zeitraum gesammelt werden und das ist meiner Kenntnis nach noch nicht gemacht worden.
00:06:38: Ich könnte mir aber auch durchaus denken, dass beide Wirkmechanismen tatsächlich stattfinden um sich gegenseitig dann verstärken.
00:06:44: Was weiß man denn ansonsten noch?
00:06:46: Was die Folgen von Doomscrolling sein können?
00:06:48: gibt es dazwischen Studienergebnisse?
00:06:50: Also auf wie vor in Forschungsfeld etwas relativ junges Und deswegen weiß man noch nicht so furchtbar vielen im Bereich.
00:06:59: Aber man kann sich durchaus vorstellen, dass das DOOM-Scrolling oder zumindest eine Hypothese jetzt natürlich auf Dauer auch Stress auslösen kann.
00:07:07: Das heißt unsere Stressachse in Körper aktiviert, dass zum Beispiel bei vermehrten DOOM Scrolling vielleicht sogar mehr Cortisol ausgeschüttet wird und es hat dann irgendwann zur Folge auch, dass unser Gehirn eigentlich ein ständiger Alarmbereitschaft ist und das kann natürlich dann negative Emotionen verstärken.
00:07:26: Hier kann sich wirklich vorstellen, wenn man die ganze Zeit in so einem Anzustand ist.
00:07:30: In ansten Emotionen, die eigentlich auf eine unsichere Situation stattfinden.
00:07:35: Das heißt ich weiß nicht ganz genau, bin ich jetzt wirklich ein Gefahr oder nicht?
00:07:39: Das ist eigentlich eine Angstreaktion dass das natürlich auf Dauer nicht gesunder ist
00:07:45: und definitiv kein schönes Gefühl ist.
00:07:47: ja deswegen zu guter Letzt die Frage an Sie Haben Sie einen Tipp?
00:07:51: Wie kann ich denn aus dieser Negativspirale aussteigen oder einen gesünderen Umgang mit Nachrichten, so wie sie jetzt halt eben gerade sind entwickeln.
00:07:59: Also hier musst du seinen Weg finden.
00:08:01: Ich persönlich diese eher wochen Zeitstriften muss ich sagen also wie ein Economist oder die Zeit also wo man dann einfach das was in der Woche passiert ist zusammengefasst bekommt sodass man nicht täglich jeder kleinen Headline hinterher jagt.
00:08:16: Ich glaube, das hat dann aber auch ein bisschen was damit zu tun inwieweit man viele Apps gerade die sozialen Medien ständig verfügbar auf dem Telefon haben will.
00:08:24: Also ich sage jetzt nicht, dass mir die soziale Medien nicht mehr nutzt, aber es ist natürlich einen Unterschied ob ich bestimmte Apps die ganze Zeit auf den Telefon drauf habe und Convenient Faktor dann ganz schnell eben die App öffnen kann oder ob ich mir vielleicht selber überlege, dass sich bestimmte Nachrichten portale Social Media Apps vielleicht nur über ein Desktopcomputer nutzen möchte So dass das ganze Strukturierter stattfindet und dann logischerweise natürlich auch mich im Alltag weniger Nachrichten erreichen.
00:08:50: Nein, es ist glaube ich auch ganz klar dieses Doom-Scrolling kann unsere Aufmerksamkeit natürlich gefangen nehmen und da bin ich die ganze Zeit abgelenkt und kümmere mich eigentlich nicht mehr um die Dinge wie im Alltag jetzt besonders wichtig wären.
00:09:02: Das war ganz interessant!
00:09:03: Es gibt eine neue Arbeit, ein ganz neues.
00:09:05: Nicht vom letzten Jahr.
00:09:07: Wir haben Forschen in den USA, die Studienteilnehmenden darum gebeten eine App runter zu laden, die quasi das Internet auf dem Smartphone flachgelegt hat.
00:09:16: vor zwei Wochen.
00:09:16: Das heißt man hat aus dem Smartfon so einen alten Nokia-Knochen gemacht und interessanterweise hat man die objektive Aufmerksamkeit vorher und nachher gemessen und bereits noch zwei Wochen ohne Internetzugang logischerweise dann auch nicht mehr in die ganzen Nachrichten nämlich auf mich einprasseln ist die gemessene Aufmerksamkeit gestiegen und das zeigt glaube ich auch dass Doomscrolling uns tatsächlich auch kognitiv gefangen nehmen könnte.
00:09:41: Das ist ein eindrückliches Beispiel zum Ende.
00:09:45: Definitiv!
00:09:46: Vielen Dank für die Einordnung, Herr Professor Montag.
00:09:48: Danke schön.
00:09:49: Gerne.
00:09:50: Eine Situation in der man auch schneller ins Doomscrollen kommen kann ist während einer Bus- oder Bahnfahrt.
00:09:56: Schließlich hat man ja Zeit und gerade nichts zu tun.
00:09:59: Oder aber... Man schaut einfach mal aus dem Fenster Und vielleicht ist euch da auch schon was aufgefallen?
00:10:04: Da gibt es nämlich diese kleinen schwarzen Punkte an den Rändern der Fenstergläser.
00:10:09: Aber wozu?
00:10:12: Warum ist
00:10:13: das so?
00:10:14: Die kleine Alltagsfrage.
00:10:17: Also, warum sind an den Fenstern von Bussen und Bahnen eigentlich diese schwarzen Punkte am Rand?
00:10:23: Die kurze Antwort – sie sorgen dafür dass die Scheiben stabil bleiben!
00:10:27: Die Schwarzen Punkte gehören zu einem sogenannten Keramikrand der auf die Scheibe eingebrannt wird.
00:10:32: Dieser Rand hilft dabei das Glas mit dem Rahmen des Fahrzeugs zu verkleben.
00:10:36: ohne ihn würde der Kleber durch Sonnenlicht schneller altern und sich lösen.
00:10:40: Aber warum dann die Punkte?
00:10:43: Die haben tatsächlich eine wichtige Funktion.
00:10:45: Sie verteilen die Temperatur gleichmäßiger.
00:10:48: Glas erwärmt sich nämlich unterschiedlich schnell, besonders dort wo der schwarze Rand endet.
00:10:53: Die Punkte sorgen für einen weicheren Übergang zwischen heißem und kühleren Glas – das verhindert Spannungen und kleine Verzerrungen im Material.
00:11:02: Kurz gesagt, die Punkte helfen dass sie Scheiben länger halten und wir sicher durch die Gegend fahren können!
00:11:07: Und damit sind wir am Ende dieser Folge angekommen.
00:11:10: Einen Link zu einer Studie zum Thema Existenzangst und Doomscrolling findet ihr in den Show-Notes.
00:11:16: Und wenn ihr noch mehr zum Thema Medien und mentale Gesundheit wissen wollt, dann verlinke ich euch noch zwei Folgen meiner Kolleginnen.
00:11:23: Einmal geht es darum wie digitale Medien unser Gedächtnis verändern – und dann um die Frage wo Mediensucht beginnt!
00:11:29: Ich sag tschüss für heute und freue mich, wenn ihr auch das nächste Mal wieder mit dabei seid.
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